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Die Geschichte und die Entstehung von Arte Sella
Die Geschichte von Arte Sella verläuft nicht linear. Alles nimmt seinen Anfang mit ein bisschen Ungewissheit, mit Fehlern und Glückstreffern, aber im Laufe der Jahre ist aus den Ideen, den Gefühlsregungen und aus der Liebe zur Kunst und der Natur die Biennale der Zeitgenössischen Kunst geworden, die auch auf internationaler Ebene Anerkennung findet.

Die Idee
Im Jahre 1986 beschließen Carlotta Strobele, Doktor der Philosofie mit österreichischen Wurzeln, Emanuele Montibeller, Kaufmann und Künstler aus Borgo und Enrico Ferri, Architekt, Maler und Städteplaner im Landtag, ihre Ideen und Liebe zur Kunst und Natur zu bündeln. Sie schaffen Arte Sella. Hauptziel war es, eine Vereinigung ins Leben zu rufen, um ein Konzept der Kunst in der Natur zu entwerfen. Auf diese Art umfassen sie die kulturelle und moralische Erneuerung eines Teils der zeitgenössischen künstlerischen Gesellschaft. Ihr Glück bestand damals in der Tatsache, dass sie vollkommen frei von allgemeinen künstlerischen Regeln waren, und dass sie dadurch die Neuheiten, die die Künstler vorschlugen, annehmen konnten.

1986 – 1990
Es verging ein Jahr vom Moment, als die Idee geboren wurde, Arte Sella zu schaffen bis zu einer gültigen Definition der Veranstaltung. Diese Zeitspanne war notwendig, um die ersten Kontakte mit den ausländischen Künstlern, den örtlichen kulturellen Institutionen und der Bevölkerung zu knüpfen. Dazu war die Mitarbeit und die Hilfe von Jakob De Chirico und des Vereins Freunde von Borgo von vitaler Bedeutung. In dieser ersten Phase wurden die wichtigsten Kriterien von Arte Sella festgelegt, die bis heute beibehalten werden. Die grundlegenden Charakteristiken der Veranstaltung wurden wie folgt festgelegt:
1.Der Künstler ist nicht mehr Hauptdarsteller, wie dies nur wenige Jahre vorher der Fall war, nämlich in der sog. Land Art, die durch ausgesprochen „eindrückliche Zeichen in der Landschaft“ charakterisiert wird.
2.Die Natur muss als Schrein der Erinnerung des Individuums verteidigt werden.
3.Die Beziehung zur Ökologie ändert sich: die Natur ist nicht mehr geschützt, sie wird vielmehr in ihrer Essenz interpretiert, sie gilt als Quelle des Wissens und der Erfahrung.
4.Die Werke sind teil eines Raumes und einer Zeit, die charakteristisch für den Ort sind, an dem sie entstehen. Sie gehören nicht zu einem abgegrenzten Raum, und ihre Autoren bevorzugen den Gebrauch von organischen, nicht künstlichen Materialien. Die Werke gehen aus der Landschaft hervor, sie wohnen in ihr, um dann wieder – dem Rhtymus der Natur folgend – Eins mit ihr zu werden.

Die erste Edition war privat: Carlotta Strobele stellte dem Projekt „Casa Strobele“ (Strobele Haus) und ihren Park im Sella Tal zur Verfügung. Emanuele Montibeller und Enrico Ferrari stellten einige ihrer Werke aus und luden Freunde ein, deren Bekanntheitsgrad in Künstlerkreisen weit über das Trentino hinausging. Ihr Ziel war es, „die Werke der Dekadenz und dem Glanz der Erinnerung zu überlassen“ (C. Strobele).
Anfangs stand die Bevölkerung von Borgo der Veranstaltung eher skeptisch gegenüber, ja man gebrauchte den Ausdruck „fare Arte Sella“ (Arte Sella machen), um ein eigenartiges und abnormales Verhalten auszudrücken. Im Lauf der Zeit allerdings haben die Bewohner diese Initiative so schätzen gelernt, sie liebgewonnen, und nennen sie ihr Eigen. In den nachfolgenden Jahren, wurde der Verein so gross, dass er heute fast 20 Mitglieder zählt, die ehrenamtlich und dauerhaft an der Verwirklichung der Biennale für Zeitgenössische Kunst mitarbeiten.

1990 – 1996
Die dritte Edition machte es notwendig, diesem Projekt eine wirkungsvolle Organisation an die Seite zu stellen, die in der Lage sein sollte, die auftretenden strukturellen und verwaltungstechnischen Schwierigkeiten, zu bewältigen.
Im Oktober 1990 wurde der Verein Arte Sella gegründet: seine Kraft besteht in der Zusammenführung verschiedenartiger Personen zu einem gemeinsamen Arbeitsprojekt, in dem all deren Interessen zu einem einzigen Ziel zusammenlaufen; nämlich die Liebe zur Kunst und zur Natur.
Die Mitglieder der Organisation wurden von Emanuele Montibeller nach einem ziemlich ausgefallenen Kriterium ausgesucht: ihre Neugierde gegenüber der Natur und wie diese „Kunst sein kann“. Der neue Verein bestand nicht nur aus Künstlern und Kunsthandwerkern, sondern auch aus gewöhnlichen Leuten, aber besonders dieser Umstand hat es ermöglicht, eine originelle, künstlerische und kulturelle Operation zu konzepieren. Hier beteiligen sich also Leute vom Fach und solche, die es nicht sind, jeder nach eigenem Ermessen. Und genau nach dem jeweiligen Beruf, nach der jeweiligen Erfahrung und dem jeweiligen Interesse, wurden die Rollen im Inneren der Organisation verteilt: das Archiv, die Verwaltung, die Fotografie, die Werbung, die Öffentlichkeitsarbeit...Jeder hatte eine spezifische Aufgabe, aber die allgemeinen Entscheidungen wurden und werden auch heute noch gemeinsam während der Vereinssitzungen getroffen. Die finanzielle und moralische Hilfe und Unterstützung vonseiten der Gemeinde von Borgo Valsugana und der Autonomen Provinz Trient waren unentbehrlich für Entstehung und Entwicklung der Tätigkeiten von Arte Sella. Der Verein hat übrigens mit Zentren zusammengearbeitet, die dieselben Ziele verfolgen, wie zum Beispiel Le Centre d’Art de Crestet (F), Tickon (DK); und das Projekt Civitella d’Agliano (I).
1990 wurde ein wissenschaftlicher Beirat gebildet, mit der Aufgabe, die Künstler und deren Arbeiten auszuwerten, die künstlerische Koordinierung und die internationale Zusammenarbeit zu gewährleisten.
Künstler von internationalem Ruf lösen sich alljährlich mit ihren Arbeiten in den Wäldern vom Sellatal ab. Durch sie wird die Veranstaltung immer kompletter und sie sind es, die dazu beitragen, dass die Erwartungen der Organisatoren erfüllt werden. Die ersten Editionen fanden in der Casa Strobele statt. Hier arbeiteten die Künstler mit einem starken Sinn für Kooperation und Freundschaft zusammen. Georg Jappe, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates bestätigt, dass Casa Strobele die Seele der Veranstaltung gewesen sei. „Hier essen alle an einem grossen Holztisch im Garten, hier verabredet man sich um den Kamin im gemütlichen Esszimmer, hier unterhält man sich, man trinkt, man scherzt, nicht zuletzt wenn es um die Wahl der Zimmer geht, einige schlafen auf bäuerlichen Betten – hier findet sich die „fete permanenet“, wie sie immer vom Fluxus - Künstler Robert Filliou erträumt wurde – hier werden alle Spannungen beiseite gelegt, hier werden die Personen, die man nur aus den Massenmedien kennt, aufgenommen, Freundschaften werden geschlossen, gemeinsame Pläne für die Zukunft geschmiedet.“
Arte Sella ist zu einer regelrechten Einrichtung geworden.

1996 – 2000: die Veränderung
Seit 1996 schlängelt sich das Projekt Arte Sella längs eines Forstweges auf dem südlichen Hang des Armentera Berges: daraus entstand die Idee von „ARTE NATURA“, ein Rundgang, auf dem der Besucher die Werke bewundern und sich gleichzeitig an den Besonderheiten der Umgebung erfreuen kann, wie die Vielfalt des Waldes, charakteristische Felslandschaften und monumentale Bäume.
Nach vielen Jahren der emsigen Tätigkeiten, hat der Verein an Erfahrung, Anerkennung, Fähigkeit und Zustimmung gewonnen, so dass er sich nun erlauben kann, neue Wege zu beschreiten. Die Festigung und die Diversifikation nahmen ihren Anfang 1998 mit der Verwaltung der Malga Costa, die zu Beginn eine rein logistische Funktion innehatte, sich aber bald als äusserst geeignet herausstellte, um die Rolle zu übernehmen, die anfangs der Casa Strobele zugefallen war. Auf der Costa Alm konnten nun interessante Iniziativen wie Ausstellungen und Konzerte stattfinden. So stellte 2002 die englische Künstlerin Sally Matthews, in der Ausstellung mit dem Titel „Boars“ ihre Zeichnungen, Skizzen und zwei Skulpturen zu Schau. Letztere stellten zwei Wildschweine dar, die sie unter Zuhilfenahme von Erde, Zement und Elementen aus dem Unterholz fertiggestellt hatte.
Die Alm wird so zu einem Ort der Begegnung, des interkulturellen Austausches und des Lebens in der Gemeinschaft, aber auch ein Raum für verschiedene Veranstaltungen und kreative Laboratorien.

Die Zukunft
Zur Zeit begegnen sich in Arte Sella Künstler mit verschiedenen Geschichten und Empfindungen. Sie lernen sich kennen, erleben gemeinsame Erfahrungen, um Kunstwerke zu erarbeiten und zu schaffen, die imstande sein sollen, die kühne und provokante Sprache der zeitgenössischen Kunst und der Natur auszudrücken.
Man weiss noch nicht, was die Zukunft für Arte Sella bringen wird, aber eines ist sicher: die Veränderung der Mentalität einiger aufsteigender Künstler, die sich immer mehr vom Vergänglichen entfernen, und die den Gebrauch von typisch modernen Materialen, wie Zement oder Stahl bevorzugen, wird das Herz der Veranstaltung nicht in Gefahr bringen. Trotz ihres einzigartigen Status in der zeitgenössischen Kunst, bleibt Arte Sella eine Kolonie von Künstlern, eine familäre Collage, die davon überzeugt ist, dass die Erde nicht dem Menschen unterworfen ist.

Die Künstler:

1986
Ulrike Bahrs
Jakob de Chirico
Claudio Costa
Ugo Dossi
Enrico Ferrari
Emanuele Montibeller
Raphael M. Ortiz
Igor Sacharow-Ross
Matthias Schönweger
Peter F. Strass
Brigitte Weimer

1988
Maurizio Bonato
Antonio Bove
Mirko Bratu_a
Claudio Costa
Cranach & Juco
Jakob de Chirico
Giuseppe Debiasi
Ariane Epars
Gert & Ruth Gshwerdtner
Dieter Kunerth
Guido Mariani
Jonier Marin
Kurt Matt
Claudia Papi
Peter F. Stauss
Andrea Zago
Sergio Zandonella
Du_an Zidar
Corrado Costa
Antonio Porcelli
Angelica Thomas

1990
Dominique Bailly
Michele Bertolini
Helmut Dirnaichner
Eberhard Eckerle
François Méchain
Gertrude Moser-Wagner
Giuliano Ortsingher
Otmer Sattel
Wolfgang Temmel
Hervé Vachez
Laszlo Bállà
Johannes Heimrath
Bernard Heidsieck
Georg Jappe
Koiné
Harry Matthews
Caroline Menegol
Sarenco

1992
Marc Babarit & Gilles Bruni
Jae Eun Choi
Tonia Kudrass
Giuliano Mauri
Alan Sonfist
Nils - Udo
Robert Zahornicky
Stuart Brisley
Mario Ciccioli
Roberto Paci Dalò
Terry Fox & Claudine Denis
Alain Gibertie
Matthias Jackisch
Jànos Szirtes

1998
Chris Booth
Laura Castagno
Alda Faiolini
Antero Kare
Richard Künz
Ueno Masao
Helge Røed
Flora Viale
Dimitri Xénakis
Jeannette Zippel
Thomas Neumaier & C.
Rolf & Anti Westphal

2000
Marinette Cueco
Richard Harris
Giuliano Orsingher
Yves Rousguisto
Roy F. Staab
Bob Verschueren

2002
Bruni & Babarit
Paul Feichter
Johann Feilacher
Matilde Grau
Sally Matthews
Belle Shafir
Steven Siegel
Thierry Teneul

Die Künstler, die jedes Jahr an Arte Sella teilnehmen, kommen aus verschiedenen europäischen Ländern, wie Frankreich, Deutschland und Österreich. Tatsächlich wurde einer der Grundregeln zu Auswahl vonseiten des wissenschaftlichen Beirates seit Beginn immer stattgegeben, nämlich dass die Veranstaltung Vertreter des Alpenraumes aufnehmem sollte. In Folge haben aber der Erfolg des Projektes und dessen Internationalisierung seit der dritten Edition viele Künstler aus anderen europäischen und nicht europäischen Ländern ermuntert, ihre Arbeiten in ARTENATURA und MALGA COSTA auszustellen.
Zu Beginn hatten die Editionen einen bestimmten Titel und die Künstler mussten ein spezifisches Thema interpretieren. Seit 1994 haben die Organisatoren beschlossen, die Veranstaltung ganz und gar der Beziehung Kunst – Natur zu widmen. So waren die Künstler in diesem Sinne ziemlich frei in der Schaffung der Werke, mussten aber den Grundkriterien von Arte Sella absolut Folge leisten, indem sie ihre Arbeiten im vollkommenen Respekt der Natur und deren Sein fertigstellten.
Die Anzahl der Künstler variiert von Jahr zu Jahr auf Grund der finanziellen Möglichkeiten des Vereins und des Verfalls der bereits auf dem Rundgang vorhandenen Arbeiten. Solange eine davon der Witterung Widerstand leisten kann, bleibt sie auf dem Rundgang und kein anderes Werk kann deren Platz einnehmen.

Arte Sella: eine Klassifizierung
Das Interesse und der Einsatz der Organisatoren und der teilnehmenden Künstler haben es diesem ehrgeizigen Projekt erlaubt, eine Ausstellung von qualifizierter zeitgenössischer Kunst zu werden, die auch auf internationaler Ebene anerkannt ist.

Was die „museologische“Klassifizierung anbelangt, so wurde Arte Sella noch nicht von den kompetenten Organen „katalogisiert“. In der Tat kann diese Veranstaltung aus verschiedenen Gründen weder als Park - noch als Ökomuseum angesehen werden. Zum einen, weil der Besucher in einem Parkmuseum normalerweise Werke vorfindet, die vor ihrer Zerstörung bewahrt werden. Zum anderen sind es dauerhafte Arbeiten, die vor allem, was ihnen schaden könnte, bewahrt und beschützt werden. Im Gegensatz dazu werden die künstlerischen Werke von Arte Sella der Natur und ihrem natürlichen Lebensrhytmus überlassen, und da diese hauptsächlich aus Holz bestehen, sind sie nicht für die Ewigkeit bestimmt wie eine Marmorskulptur; sie werden vielmehr nicht mehr rekonstruiert wenn sie zerfallen, denn ihr Schicksal besteht genau darin, in das natürliche Ambiente zurückzukehren, aus dem sie ursprünglich entstanden sind.

Arte Sella ist ausserdem kein von Mauern begrenztes Museum, wie ein Ökomuseum. Es handelt sich hierbei um eine Kunstausstellung, die zwischen den Bäumen des Sellatales stattfindet. Ihr Hauptziel besteht nicht darin, die Zeugen der Vergangenheit zu bewahren, sondern eine gegenwärtige und zukünftige Beziehung zwischen Kunst und Natur zu schaffen, wobei immer in höchstem Maße auf das örtliche Gebiet und dessen Vegetation geachtet wird.

Abschließend kann man sagen, dass Arte Sella die konkrete Realisierung eines Traumes dreier Freunde darstellt, die eine der wichtigsten Veranstaltungen der künstlerischen Bewegung Art in Nature ins Leben gerufen haben, auch wenn dieses Projekt unter einem „museologischen“ Gesichtspunkt noch nicht anerkannt wurde.


Artesella: Beispiel von Symbiose von Kunst und Natur
Die Veranstaltung: Arte Sella ist eine alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die 1986 entstand, mit dem Ziel, den Künstlern der Alpenregionen eine Lebens – und Arbeitsgemeinschaft zu bieten, und der Bevölkerung und den Naturliebhabern der ARGE ALP die Werke vorzustellen. Die Veranstaltung findet unter freiem Himmel statt, auf den Wiesen und in den Wäldern des Sellatales, ein noch unberührtes Tal, nördlich der kleinen Gemeinde Borgo Valsugana.
Arte Sella versteht sich nicht nur als Ausstellung von international anerkannten Kunstwerken, es ist vor allen Dingen ein Schaffensprozess: das Werk wird Tag für Tag in seiner Entwicklung begleitet und der Eingriff vonseiten des Künstlers soll die enge Beziehung zur Natur ausdrücken, die auf Achtung und Eingebung basiert, die die Natur dem Künstler vermitteln kann.
Die Arbeiten sind im allgemeinen dreidimensional, weil sie aus Steinen, Blättern, Ästen und Stämmen bestehen. Nur selten verwenden die teilnehmenden Künstler künstliche Materialien, Gegenstände oder Farben. Fast alle Werke werden jedes Jahr, wenn die Ausstellung zu Ende geht, dem natürlichen Zerfall überlassen und fügen sich dem Lebenszyklus der Natur wieder ein. So erleiden sie im Wald den an die Jahreszeiten gebundenen Verfall, bis sie von der Umgebung verwandelt werden, die das definitive Hinscheiden bestimmt. So wurde zum Beispiel während des Winters 2002 die Arbeit von Mikael Hansen, „Die Mauer, Einrichtung für Bürger“ aus dem Jahre 1994 vom Winde zerstört und in der Folge aus dem Parcours entfernt. Weiters fiel ein Wolf aus Erde und Zement, Teil der Skulptur „Wolves“ von Sally Matthews aus dem Jahre 2002 während eines starken Gewitters um. Auch wenn laut Arte Sella ein Kunstwerk der natürlichen Zerstörung überlassen werden soll, so kann dieses trotzdem in einigen Fällen und aus mannigfachen Gründen aus dem Rundgang entfernt werden, um einen anderen Weg zu gehen, der es in Museen oder Kunstgallerien in Italien oder im Ausland führen kann. Arte Sella fokussiert alle seine Tätigkeiten auf zwei Hauptgebiete: Der Rundgang von ARTENATURA, kreativer Raum längs des Moggio – Flussbettes, wo der Künstler mit der Natur Eins wird und Malga Costa, Zentrum der Veranstaltung, wo Konzerte, kreative Laboratorien und Fotoausstellungen stattfinden.
Eine wesentliche Rolle spielt bei dieser Veranstaltung die Fotografie; sie fungiert nicht nur als Mittel zur Dokumentation sondern auch als Ergänzung der Arbeit der Künstler. Die Natur kann ausschliesslich durch die Fotografie ihre vergängliche Kunst im Laufe der Zeit bezeugen. Arte Selle ist eine außergewöhnliche künstlerische Darstellung, die es dem Besucher erlaubt, vollkommen in die Natur einzutauchen und dabei zeitgenössische Kunst entdeckt. Längs ihres Rundganges wird die künstlerische Reise zur Erfahrung, Meditation, Symbiose. Aus diesen Gründen haben im Jahre 2002 mehr als 100.000 Besucher und Künstler aus der ganzen Welt in Arte Sella Einzigartigkeit und Bedeutung erkannt, so dass eine Initiative eines kleinen Tales im Trentino zu einer internationalen und außergewöhnlichen Veranstaltung wurde.

Die Arbeiten der Künstler: Die Arbeiten, die die Künstler realisiert haben und noch für Arte Sella realisieren werden, leben an einem Ort des Friedens. Sie existieren zu jeder Tages – und Nachtzeit, weil sie wesentlicher Bestandteil der Natur sind. Die Arbeiten, die das Licht der Welt an diesen Orten erblicken, verschwinden und unterstreichen so den provisorischen Charakter der menschlichen Existenz und der verwendeten Materialien (Holz, trockene Äste, Blätter, Wurzeln). Dann verwandeln sie sich, um in einem neuen Lebenszyklus wiederzukehren. Die Künstler tauchen in eines der schönsten Täler des Trentino ein und haben die Möglichkeit „Natur zu sein“ und ihren ungewöhnlichen Gedanken der Kunst durch ihre Werke Ausdruck zu verleihen. Nur wenn der Künstler den Ort bewohnt und die Bewohner kennenlernt, ist er im Stande, etwas Außergewöhnliches und Überraschendes zu schaffen, das gleichzeitig in perfekter Symbiose mit der Umgebung ist. Niemand kommt mit einer vorgefertigten Arbeit hierher, das würde in der Tat die Harmonie des Ortes und die Idee, Kunst mit der Natur in der Natur machen zu wollen, stören und hätte somit keinen Sinn mehr.

Die Kriterien: Für Arte Sella ist nicht ausschließlich das Kunstobjekt an sich wichtig, sondern das Moment, in dem das Objekt mit der Natur und dem Menschen, der es erbaut hat und es betrachtet, lebt. Es handelt sich nicht mehr um eine Art von Kunst, die subjektiv erlebt wird, wie das in den Museen der Fall ist: hier kann das Kunstwerk vom Besucher berührt werden. Diese Haltung wird noch durch hölzerne „Etiketten“ unterstüzt, die die Leute dazu anregen, das Werk zu streicheln, oder es zu „spielen“ (wenn das möglich ist), damit die Gefühle und die Empfindungen, die der Künstler vermitteln wollte, vollkommener wahrgenommen werden können. Da die Verwandlung der Arbeit fortlaufend vor sich geht und dauernd den Witterungsverhältnissen ausgesetzt ist, ändert sich die Wahrnehmung von Jahreszeit zu Jahreszeit, je nach Tages – und Nachtzeit, und die Arbeiten können auf keinen Fall ins anfängliche Stadium zurückversetzt werden. Hier kann man nicht von „Restauration“ sprechen, das Kunstwerk muss vielmehr bestellt werden. Diese „Bestellung“ beinhaltet nicht mehr die „Instandhaltung“ der Arbeit: man versucht nur, die Botschaft, die mit der Arbeit zusammenhängt zu erhalten, solange bis das Werk der Zeit widerstehen kann, ohne sein natürliches Überleben zu erzwingen. Basierend auf diesen Prinzipien, haben die Autoren von Arte Sella grundlegende Kriterien festgelegt, die während all der Jahre der Manifestation immer befolgt und respektiert wurden: das Kunstwerk als einzig wahrer Hauptdarsteller der Ausstellung, die Achtung der Natur und der Ökologie, der alleinige Gebrauch von organischen und nicht künstlichen Materialien, die Manifestation als kreativer Prozess. Von äußester Wichtigkeit ist auch die Sorge um den Schutz und die Unterstützung des zerbrechlichen Umweltnetzes, dies wird durch die Limitierung der Besucherzahlen gewährleistet. Die Umwelt ist schließlich wichtiger und bestimmender Bestandteil des Tales und seines Projektes. Der Erfolg der Veranstaltung hat die Organisatoren ermuntert, eine Eintrittskarte von 3,00 Euro für den Parkplatz und die Besichtigung der Cattedrale Vegetale zu veranschlagen. Der Besucher kann allerdings den Rundgang ARTENATURA kostenlos besichtigen. Der Besucher ist außerdem vollkommen frei von allen Verhaltensregeln, wie sie in den Museen gelten, er muss ausschließlich die Natur respektieren. Die Liebe zu diesem Ort und die eigene Herkunft sind die Ursachen, die die Organisatoren dazu bringen, sich jeden Tag von neuem einzusetzen und zusammenzuarbeiten: sie betrachten mit anderen Augen ihre Landschaft, sie bearbeiten sie und geben sie in einem untypischen und außergewöhnlichen Licht an andere weiter.

Auf Entdeckungsreise von Arte Sella
Der Rundgang Arte Natura: Im Wald von Arte Sella kann der Besucher einen seltenen und erfüllenden Rundgang schätzen lernen: ARTENATURA. Es handelt sich hierbei um einen Weg, der von der traditionellen Klassifizierung eines Wanderweges abweicht, der Ihnen aber eine unvergessliche Reise durch die Natur und ihre Geräusche, durch die Kunst und ihre Farben, bescheren wird. Die Entdeckung eines lebendigen und mackellosen Waldes, von Steinen, die nach Moos duften und von majestätischen Bäumen werden Sie noch mehr die Ausstrahlung und die Harmonie der Kunstwerke genießen lassen, die seit 1986 an diesem wunderschönen Ort zuerst geboren werden und dann sterben.
AUSGANGSPUNKT UND ANKUNFTSPUNKT: Sella Tal (Gemeinde Borgo Valsugana)
DAUER DES RUNDGANGES: 2 h 30
TECHNISCHE SCHWIERIGKEITEN: keine
LÄNGE: 3km
GEFÄLLE. Leichtes Auf und Ab

Der Ausgangspunkt von ARTENATURA befindet sich in der Nähe der Strobela Brücke, gegenüber der Hütte Negritella und wird durch ein rundes Portal aus Wurzeln und Ästen von Apfelbäumen und Steinbuchen (Disque Therry Teneul, 2002) angezeigt. Die Kunstwerke befinden sich auf einer Forststraße und dehnen sich auf 2 km am Hang des Armentera Berges aus. Wenn der Besucher den Weg entlang geht, kann er Arbeiten längs des Weges bewundern, aber auch solche, die von den Wundern des Waldes verdeckt sind. Wenn man diesem Wegverlauf folgt, so stößt man auf das Kunstwerk von Matilde Grau, „Intersticios“, das die Änderung im Rundgang kennzeichnet. Dringt man durch einen sehr engen, bezaubernden Erdpfad bis zum Biotop vor, stößt man auf einen interessanten Gebirgsteich; auch dort hat Arte Sella ihre Spuren hinterlassen. Ist man einmal auf der Landesstrasse, setzt man an weitläufigen Wiesen und jahrhundertealten Bäumen seine Entdeckungsreise fort. Auf der Costa Alm angekommen, besucht man die jährliche Ausstellung (Juli – September) und geht dann durch die Wälder des Sellatales bis zur wunderbaren Cattedrale Vegetale, ein monumentales Kunstwerk, das 2002 vom italienischen Künstler Giuliano Mauri errichtet wurde.

Malga Costa: Es handelt sich um ein Bauernhaus, das früher von den Hirten im Frühling oder im Sommer zur Rinderzucht und zur Herstellung von Butter und Käse benutzt wurde. Im Jahre 1998 haben die Organisatoren von Arte Sella beschlossen, dieses Gebäude zu kaufen und es zum Sitz von „Arte Sella Dokumentation“ zu machen. Dank dieser Neuerung, können die Besucher die Veranstaltung nicht nur durch den Rundgang ARTENATURA kennenlernen, sondern auch indem sie an Konzerten, Theateraufführungen, kreativen Laboratorien und Fotoausstellungen teilnehmen. So wurde im Sommer 2003 auf der Alm eine wichige Fotoausstellung mit dem Titel „Nidi“ (Nester) von Nils Udo eröffnet. Dieser zeitgenössische Künstler macht aus seinem eigenen Körper das Hauptinstrument seiner Kunst. So hat er 1978 auf der Lüneburger Heide (Deutschland) aus trockenen Ästen, Erde und Steinen ein Nest mit enormen Umfang (10m Durchmesser) errichtet, und sich darin nackt kauernd fotografieren lassen.
Textauszug der Dissertation von Lorenza Trentinaglia „Un événement culturel en valsugana: Arte Sella exposition d’art contemporain“ ; freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt.

Die Kattedrale Vegetale
Giuliano Mauri
Die vom lombardischen Künstler Giuliano Mauri geplante „Cattedrale Vegetale“ ist das Hauptprojekt der Ausgabe 2001 von Arte Sella im Rahmen der „Internationalen Treffen Kunst - Natur“. Sie wurde dank der grundlegenden Unterstützung des „Servizio Ripristino Ambientale“ der Autonomen Provinz Trient verwirklicht. Sie liegt in der Nähe der Costa Alm und besitzt die Ausmaße einer richtigen gotischen Cattedrale, bestehend aus drei Schiffen, die wiederum aus 80 mit Zweigen verdrehten Säulen besteht. Diese haben eine Höhe von 12 m und 1 m Durchmesser. Im Inneren einer jeden Säule wurde eine junge Steinbuche gepflanzt. Die Bäumchen werden ca. 50 cm pro Jahr wachsen. Mit den Schnitten werden sie adaptiert, um in einigen Jahren eine richtige „Pflanzliche Cattedrale“ zu bilden. Die ganze Struktur basiert auf einem Rechteck von 82 x 15 Metern, einer Höhe von 12 Metern und umfasst eine Fläche von 1.230 Quadratmetern.
Im Laufe der Zeit werden die künstlichen Strukturelemente verrotten und den Platz vollkommen den Steinbuchen überlassen: erst dann wird die Natur die Überhand gewonnen haben. Unauslöslich wird jedoch die Spur des Dialoges mit dem Menschen bleiben, den die Natur nicht vergessen wird.
Giuliano Mauri erklärt: „Im Inneren der künstlichen Strukturelemente, die ich jetzt errichte, werden Steinbuchen wachsen. Ich baue diese Strukturelemente, damit sie die Pflanzen während ihrer 20jährigen Wachstumszeit unterstützen und begleiten. Nach dieser Zeitspanne vermodert die Struktur und wird wieder zu Erde. An ihrer Stelle werden dank eines jährlichen Baumschnittes 80 Pflanzen stehen, die fast die Form von Säulen haben, die auf jeden Fall an meine Arbeit erinnern werden. Vier Reihen von Bäumen für die Kathedrale, die ich immer erträumt habe. In zwanzig Jahren werden sich die Leute wundern, dass hier die Schaffung der Natur, die mit dem Menschen gesprochen hat, stattgefunden hat. Das ist das, was der Mensch eigentlich immer gemacht hat. Das Versäumnis liegt nur auf unserer Seite, es nicht zu wissen, es nicht mehr zu erkennen“.

Mauri wurde 1938 in Lodi Vecchio geboren und war Autor zahlreicher Arbeiten, die in der Landschaft als auch in Museen realsiert wurden. Er nahm an eindrucksvollen Ausstellungen teil, wie an der Biennale von Venedig 1976, der Triennale von Mailand 1992 und der Biennale von Penne 1994. Unter den Arbeiten der letzten 20 Jahre sind auch die grossen „Mulini“ (Windmühlen), die sich nur in einem imaginären Wind drehen, die „Scala del paradiso“ (Paradiestreppe) 140m lang, der „Bosco sull’isola” (Wald auf der Insel) an der Quelle des Tormo im Gebiet von Lodi. Dazu kommen noch die jüngsten „Osseravorti estimativi“ (abschätzenden Beobachter), in Görlitz in Deutschland und Sgorzelec in Polen, die für zwei Grenzvölker realisiert wurden, damit sie sich gegenseitig betrachten und dabei die Geschichte, die sie als Gegner gesehen hat, hinter sich lassen. Im Sommer 2001 war Giuliano Mauri mit zwei neuen Arbeiten beschäftigt: außer für die „Cattedrale Vegetale“ von Arte Sella, auch für das Sferisterium von Macerata, wo er für Claudio Abbado das Szenenbild der „Norma“ erstellt hat.
Tetsunori Kawana, 1996.